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Geleitwort der Pfarrerin für Juli-August-September 2026

 

„Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“                (Kohelet 4,6; Monatsspruch September) 

 

 

Liebe Gemeinde, 

 

oft greift der Alltag mit beiden Händen nach uns: Termine, Erwartungen, Verantwortung, Care-Arbeit, Bürokratie. Selbst freie Stunden fühlen sich manchmal gar nicht frei an. Der Kopf bleibt wach. Die Gedanken laufen weiter. Jemand schrieb mir: „Es ist so anstrengend! Ich will nur Ruhe haben in meinem Kopf. Nur einmal Ruhe!“ Eine Hand voll würde genügen. „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“ 

Der Kontext von Kohelet 4,6 ist wichtig: Vorher werden Menschen beschrieben, die sich gegenseitig antreiben und vergleichen: „Alles Mühen und alles geschickte Tun erweckt den Neid des einen gegen den andern.“ (Koh 4,4) Es geht also nicht nur um Arbeit. Es geht um Konkurrenz, um das Gefühl, immer mithalten zu müssen. 

 

Das Buch Kohelet entstand wahrscheinlich zwischen dem 3. und 2. Jahrhundert vor Christus; es gehört zur so genannten Weisheitsliteratur. Der Name „Kohelet“ meint vermutlich „Prediger“. Der Verfasser lebt offenbar in einer Zeit großer Veränderungen und Unsicherheiten. Alte Gewissheiten tragen weniger selbstverständlich. Anders als die klassischen Weisheitssprüche („Wer gut lebt, dem geht es gut“) merkt Kohelet: So einfach ist das Leben nicht. 

Das Buch wirkt beobachtend, nüchtern, manchmal fast ernüchternd. Kohelet schaut auf das Leben „unter der Sonne“ – also auf das reale Leben, wie Menschen es erleben: Arbeit, Mühe, Konkurrenz, Ungerechtigkeit, Erfolg, Scheitern, Tod. „Haschen nach Wind“ ist bei Kohelet ein Schlüsselbild. Menschen jagen Dingen hinterher, die sich am Ende nicht festhalten lassen: Erfolg, Kontrolle, Anerkennung. Und dann schreibt Kohelet: „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind.“

 

Das Gegenbild zu zwei verkrampften Fäusten voll Arbeit, Druck und Festhaltenwollen ist eine offene Hand mit scheinbar nichts – aber genug zum Leben: einfach nur Ruhe.  

 

Wir kommen wir an diese Handvoll Ruhe? Schauen wir uns an, was ein christliches Menschenbild bedeutet: Der Wert eines Menschen entsteht nicht durch Leistung, Erfolg, gute Werke oder ständige Verfügbarkeit. Ein Mensch muss sein Leben nicht dauernd sichern oder beweisen. Er darf sein Leben als Geschenk Gottes verstehen und sich selbst als Geschöpf begreifen, „kostbar und wertvoll“ (Jes 43,4) in Gottes Augen. Wer das begriffen hat, kann sich getrost bei der Arbeit unterbrechen, aufatmen, ein stilles Dankgebet formulieren – und eine Pause machen.

 

Ruhe ist lebensnotwendig. Deswegen ist ihr in der Schöpfungsgeschichte ein ganzer Wochentag gewidmet. Ein Tag mit Licht und Weite. Ein Tag für Gemeinschaft, gutes Essen, Gebet, Musik und Freude am Leben. Zeiten ohne Arbeit und Sorgen sind kein Luxus, sondern Grundbedürfnis der Menschen. Einen Lebensstil der Ruhe kann man einüben und dabei Jesus zum Vorbild nehmen: Er lebt aufmerksam. Er nimmt sich Zeit für Menschen. Er geht Wege zu Fuß. Er segnet Mahlzeiten. Er zieht sich zum Gebet zurück. Er spricht vom Loslassen der Sorgen und vom Vertrauen auf Gott (vgl. Mt 6,19-34). 

 

Ruhe beginnt dort, wo wir nicht alles festhalten. Kohelet spricht von den „beiden Fäusten voll Mühe“. Fäuste halten fest. Sie greifen zu. Sie spannen sich an. Eine gefüllte Hand dagegen muss offen sein, damit möglichst viel hineinpasst. Eine offene Hand empfängt, sie hält nicht fest, sie kann teilen, weitergeben und segnen. 

 

Ich empfehle Ihnen als Urlaubslektüre das Buch Kohelet (Prediger) und das Matthäusevangelium und wünsche Ihnen sowohl eine ruhige, erholsame Urlaubszeit als auch an jedem normalen Arbeitstag eine Hand voll Ruhe. 

               
Ihre Pfarrerin Anne Kampf

 

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