



Geleitwort der Pfarrerin Dezember-Februar
„Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5; Jahreslosung 2026)
Liebe Gemeinde,
die Jahreslosung für 2026 stammt aus dem einzigen prophetischen Buch des Neuen Testaments. Sie verweist nicht nur in die Zukunft, sondern spricht mitten in unsere Gegenwart hinein – in Zeiten von Umbrüchen, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit.
Wenn Wolfgang Baur über diesen Vers nachdenkt, sieht er ein Zelt vor sich. Denn im Zusammenhang heißt es: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen.“ Das Wort, das Luther mit „Hütte“ übersetzt, heißt im Griechischen σκηνή (skēnē) – Zelt. „Dieses Zelten ist kein Zufall“, erklärt Baur. „Es greift das hebräische mishkan auf, das Zelt der Offenbarung, das Mose draußen vor dem Lager aufbaut, und in dem Gott gegenwärtig ist. Hier aber wohnt Gott mitten in seinem Volk, mitten in der Stadt – also viel näher.“
Das berührt Baur besonders, „weil Gott in der Offenbarung vorher so majestätisch und unerreichbar fern dargestellt wird – mit Thron, gläsernem Meer und Engeln. Und plötzlich ist er ganz nah, zeltet mitten unter seinem Volk, beugt sich herab, trocknet Tränen. Das ist nicht nur eine Zeitenwende, sondern fast eine Temperamentswende Gottes.“
Der katholische Theologe ist Mitglied der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, die jedes Jahr die Jahreslosung auswählt. „Bei der Entscheidung ging es stark um Gerechtigkeitsfragen, soziale Fragen“, erinnert sich Baur. „In der Offenbarung wird das Leiden der Menschen auf dramatische Weise beschrieben – Hunger, Teuerung, Angst. Manchmal denkt man wirklich, Johannes hätte uns schon ins Tagebuch geschaut.“
Schon der Prophet Jesaja hatte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gesprochen. Doch bei Johannes verändert sich der Blick: „Die zweite Schöpfung geschieht auf der Grundlage einer Stadt“, sagt Baur. „Gott bedient sich dessen, was Menschen geschaffen haben, um darauf Neues zu bauen. Er ignoriert das Frühere nicht, sondern nimmt das Gute, das Fundament, und verwandelt es.“
Das kleine griechische Wort Ἰδού (idoú) – Siehe! – ruft dazu auf, wahrzunehmen, was Gott schon tut. Und im Verb ποιῶ (poió) – „ich mache“ – klingt etwas Dauerndes an. „Das hat etwas Präsentisches und Futurisches“, sagt Baur. „Gott ist noch nicht fertig – es tut sich etwas.
Schließlich umfasst dieses Neue alles (πάντα – pánta). „Der Begriff zeigt, dass Gott in allem drin ist, von allem berührt ist, und dass es eigentlich nichts gibt, das mit Gott nichts zu tun hat. Wenn Gott sich selbst in die schlimmste Situation – die Passion – hineingibt, dann kann man mit Fug und Recht sagen: Er hat mit allem etwas zu tun, auch mit den schwersten Situationen, in die Menschen kommen können. ‚Ich mache alles neu‘ heißt nicht: Ich beseitige alles andere, sondern: Ich kümmere mich um alles – sogar um das, wo keiner hinlangen will.“
So wird die Jahreslosung 2026 zu einem Hoffnungswort für unsere Zeit: Gott ist nicht fern, er ist mittendrin. Gott zeltet unter uns – in unserer Stadt, in unserem Chaos, in unserer Sehnsucht. Das Neue beginnt dort, wo Menschen sich berühren, trösten, aufrichten. „Dieses Neue kann in unserer Mitte beginnen“, sagt Wolfgang Baur. „Ich kann es spüren und mitmachen in diesem Neuen.“ Gott spricht, Gott handelt, Gott kommt – ganz nahe – und wohnt bei den Menschen. „Das Zelt Gottes ist offen. Es ist ein Zelt der Begegnung, in dem man spürt: Da ist ein Hoffnungsraum, von dem Neues ausgeht.“
Ihre Pfarrerin Anne Kampf